Bo Stab - über die Auswahl des richtigen Langstocks
Alle klassischen Bo-Stäbe haben eins gemeinsam: Sie sind ca. 182 cm lang, weshalb man sie auch Rokushaku-Bo (Sechs-Fuß-Stab) nennt. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Damit du im Bo-Dschungel das Richtige für dich findest, haben wir hier ein paar Fälle für dich aufgelistet.
Fall 1: Welcher Bo für Einsteiger - oder "Was ist der beste Kompromiss?"
Wer mit dem Bo-Training anfängt, braucht einen Stab, der nicht zu schwer ist, eine ebene Oberfläche und gleichmäßige Gewichtsverteilung hat, auch mal etwas Sparring aushält und dabei preiswert ist. Die einfache Antwort auf die Frage nach dem Einsteiger-Bo lautet daher: Diese Kombination erfüllen die Materialien Rattan und Liguster am besten.
Fangen wir mit Rattan an. Rattan ist ein Wunder an Widerstandskraft, weil es aus langen Fasern besteht und dadurch zwar recht hart, aber leicht und flexibel ist. Wo Hartholz bei massiver Krafteinwirkung splittern oder brechen kann, fasert Rattan auf oder verformt sich. Die Flexibilität und das geringe Gewicht haben jedoch auch Nachteile: Vor allem schmale Rattan-Bos bis 25 mm Durchmesser sind recht biegsam, was sich vor allem beim Sparring bemerkbar macht - der Stab federt und gibt bei Kontakt nach. So machst du es dir unter Umständen schwieriger und nicht einfacher, Techniken und Reaktionen zu lernen, denn du musst die Flexibilität des Stabes in der eigenen Körpermechanik mitberücksichtigen, und das kann für Einsteiger schwer sein. Andererseits hast du den großen Vorteil des geringen Gewichts und der "Unzerstörbarkeit" - wer also nur leichtes Sparring macht und etwas Nachfedern in Kauf nehmen kann, der ist mit Rattan-Bos zwischen 25 und 30 mm Durchmesser bestens bedient. Ideal für Einsteiger ist dabei geschälter Rattan, denn der hat keine Knotenstellen oder Unebenheiten, die die Hand irritieren könnten, so dass man sich ganz auf die Technik konzentrieren kann. Ob der Stab nun aus unbehandeltem Natur-Rattan oder der geflammter Tiger-Style sein soll, bleibt dabei ganz dem persönlichen Geschmack überlassen, denn alle anderen Parameter sind bei diesen beiden Stäben gleich.
Weiter geht's mit Liguster. Der Chinesische Liguster ist als Material für klassische 182 cm Bo-Stäbe nicht sehr verbreitet, weil er vor allem im Wushu zum Einsatz kommt, wo die Langstöcke oft noch deutlich länger sind (siehe Gun). Dabei macht er auch für Kobudo und Sparring einen ganz ausgezeichneten Job. Äußerlich sieht das Holz fast aus wie Hartholz und fühlt sich auch so an. Vorteil: Es kann sehr gleichmäßig geschliffen und dimensioniert werden. Aber die Fasern sind auch im Liguster lang und flexibel, wenn auch nicht in der Form wie beim Rattan. Die Folge ist, dass auch Liguster sehr bruchsicher ist, und dabei schon bei Durchmessern zwischen 25 und 30 mm eine gute Stabilität aufweist und auch etwas dichter und schwerer ist als Rattan. Wer es also lieber mit dem schönen hellen Holz versuchen möchte, dem sei unser Liguster-Stab naturbelassen ans Herz gelegt. (Und übrigens: In diesem Blogbeitrag erzählen wir noch mehr zum Liguster als Material.)
Was gibt's noch? Nicht jeder mag es leicht und elastisch. Wer lieber etwas "Unbeugsames" in der Hand hat, sollte sich für einen Hartholz-Bo entscheiden. Hartholz bedeutet Roteiche, Weißeiche oder Buche, was zwar die Stabilität erhöht, aber auch das Gewicht. Ein Hartholzstab mit demselben Durchmesser kann gut das Doppelte des Rattan-Bos wiegen, deshalb sollte man im Fall von Eichen-Bos genau auf den gewünschten Durchmesser achten. Für Einsteiger empfehlen sich Hartholz-Stäbe mit einem Gewicht von ca. 600-1000 g. Das erfüllen Hartholz-Bos nur bei einem Durchmesser unter 27 mm, wie der Bo Roteiche schmal oder der Bo Weißeiche schmal. Beide liegen gut in der Hand und sind auch für Anfänger leicht und intuitiv zu handhaben. Dass sie dabei kaum nachfedern hat natürlich zwei Seiten: sie bleiben formstabil und geben der Hand sehr direkte Rückmeldung, aber entsprechend viel Vibration bekommen auch Hand und Handgelenk ab. Vorsicht ist außerdem geboten, wenn diese Stäbe extremes Sparring aushalten sollen, wie zum Beispiel gegen Metallwaffen (Sai-Gabeln oder Schwerter) oder gegen kraftvoll geführte Hartholz-Waffen - hierfür kann der Durchmesser unter Umständen zu klein sein, und die starke Vibration, die sich beim Aufprall auf den Stab überträgt, kann ihn beschädigen. Für diesen Fall sollte entweder ein ausreichend dicker Hartholz-Bo wie der schwere Bo Roteiche oder ein breiter Rattan-Bo verwendet werden.
Fall 2: Ich möchte einen traditionellen Bo-Stab für echtes Sparring
Wer sich ernsthaft mit dem Bo als traditionelle Waffe beschäftigt, will ihm alles abverlangen können, insbesondere im Hinblick auf die Belastbarkeit. Für einen geübten Kenner des Bo-Jutsu oder des Kobudo ist der Langstock die Erweiterung des eigenen Körpers, und indem er seine eigene Körpermechanik eng an die Bewegungen des Stabes koppelt, kann er Schläge, Schwünge, Stiche und Blocks mit hoher Geschwindigkeit und Energie ausführen. Das hat zur Folge, dass die Kräfte, die bei einem Aufprall auf den Stock wirken, zum Beispiel beim intensiven Sparring oder in der Bunkai (Anwendung einer Kata mit Partner), sehr groß werden können. Ein Bo für den traditionellen Einsatz muss deshalb viel aushalten, so dass sich aus unserer Sicht nur zwei Möglichkeiten ergeben: Hartholz mit großem Durchmesser wie der Bo Roteiche oder der breite Bo Weißeiche - oder Rattan, wobei hier ungeschälter Natur-Rattan dem geschälten vorzuziehen ist, da die natürlichen Knotenstellen und die starke Haut der Rattanpflanze dem Stab zusätzliche Widerstandskraft verleihen. Auch bei Rattan empfiehlt es sich, auf einen Durchmesser ab ca. 27 mm zu achten, damit der Stab genug Stabilität hat und nicht allzu sehr federt.
Fall 3: Ich suche einen Bo für Formen und Kata
Natürlich kann man mit einem Sparring-Bo auch Formen laufen (umgekehrt gilt das nicht unbedingt), aber Formenläufer haben zum Teil sehr spezifische Anforderungen an ihren Langstock. Wichtige Regel: Der Bo sollte - auch optisch - zu dem passen, was mit ihm gemacht wird. Im traditionellen Bereich des Kobudo und Bo-Jutsu sollte deshalb auch der Bo traditionell sein, also aus Holz. Bevorzugt werden hier allerdings eher die handlichen Durchmesser von unter 30 mm - diese lassen sich flüssiger schwingen und umgreifen und ergeben so eine ästhetische, rasante Ganzkörperbewegung. Da sie nicht mit Kontakt eingesetzt werden, eignet sich hier neben den klassischen schmalen Bos in Roteiche und Weißeiche auch lackiertes Holz. Der schwarze Bo Roteiche hat einen angenehmen Durchmesser und ein schönes schwarzes Finish, das ihn schlicht und elegant macht. Auch Liguster lackiert oder unlackiert macht sich sehr gut im Formenlauf.
Konischer oder gerader Bo-Stab?
Vorab: Mit "konisch" meinen wir hier Stäbe, die an beiden Enden schmaler sind als in der Mitte. Es gibt auch (für Wushu) diejenigen, die nur auf einer Seite schmaler sind, aber die sind hier nicht gemeint.
Wer bisher nur gerade Stäbe im Handling kennt, sollte dieselben Techniken unbedingt einmal mit einem konischen Stab probieren - und natürlich umgekehrt! Denn der Unterschied zwischen diesen beiden Bo-Typen ist sensorisch doch weit größer als optisch. Soll heißen: Der Stab sieht nur etwas anders aus, fühlt sich aber ganz anders an.
Unterschiede im Handling gerade vs. konisch: Den Unterschied im Schwungverhalten zwischen einem geraden und einem spitz zulaufenden Bo sollte man nicht unterschätzen. Konische Stäbe liegen sehr angenehm in der Hand und sind leicht zu bewegen, weil die Masse in der Mitte, nahe an den Händen konzentriert ist. Zentral gelagerte Drehungen gehen dir dadurch buchstäblich leicht von der Hand. Aber Vorsicht: Bei weiten Schwüngen, bei denen Zentrifugalkraft ins Spiel kommt, generiert der konische Bo viel weniger Geschwindigkeit an den Enden. Das kann dann eine Rolle spielen, wenn es um kräftige Schlagwirkung am äußersten Ende des Langstocks geht (was bei traditionellen Stilen oft wichtig ist), oder wenn du Drehungen und Sprünge mit Schwungbewegungen des Bos kombinieren möchtest. Der Bo soll als Erweiterung des eigenen Körpers fungieren und manchmal will auch der Mensch von der Schwungenergie des Bos profitieren, sich im richtigen Moment mitziehen lassen, den Drehimpuls unterstützen oder geschickt umleiten. Genau hier kann ein konischer Stab für unerwartete kinetische Herausforderungen sorgen und zu wenig Zentrifugalkräfte entwickeln. Daraus folgt auch: Wenn ein Stil oder eine Form asymmetrische Griffhaltungen enthält, wenn also die Hände nicht immer den Stock "dritteln", sondern immer mal zu einem Ende hin verschoben sind, dann ist ein gerader Bo sehr wahrscheinlich die bessere Wahl.
Aber es gibt natürlich auch Argumente für konische Stäbe, denn der Handling-Vorteil bei kurzen Techniken und die sehr gute Drehlage um den Mittelpunkt sind praktisch und fühlen sich sehr natürlich an. Klassisch geeignet sind dafür die Hartholzstäbe Bo Roteiche konisch sowie der wunderschöne konische Bo aus Eschenholz. Esche ist etwas leichter als Eiche, aber dennoch stabil und nicht federnd. Der Esche-Bo hat einen originellen, warmen Braunton mit schöner Maserung. Wenn es extraschnell gehen soll, bietet sich die extraschlanke "Zahnstocher"-Variante Bo Roteiche konisch schmal an. Sehr leicht und filigran, aber dennoch Hartholz.
Unterm Strich sollte man also den Bo wählen, der zur Disziplin, zum Kampfstil oder zur Kata bzw. Form passt - zu Griffhaltung, Schwungtechnik und Distanztaktik.
Ich suche einen Stab für Wushu oder Kung-Fu
In chinesischen Kampfünsten soll ein Stab, hier Gun genannt, oft flexibel sein, um ihn lang auf den Boden schlagen zu können, aber auch widerstandsfähig genug, um ihn als Stütze bei akrobatischen Aktionen nutzen zu können. Nach unserer Erfahrung ist dafür unser schöner unbehandelter Liguster-Bo am besten geeignet. Die Oberfläche kann bei Bedarf nachlackiert werden oder naturbelassen bleiben. Sie ist glatt geschliffen und fühlt sich samtig und eben an.
Manchmal braucht man im Wushu auch eine gewisse Extralänge, dann nämlich wenn der Gun 200 statt nur ca. 180 cm haben soll. In dieser Sonderlänge führen wir Stäbe sowohl aus Rattan als auch aus Liguster, wobei letzterer klassisch auf einer Seite schmaler ist als auf der anderen.
Welcher Bo passt für Freestyle?
Wie der Name schon sagt, herrscht beim Freestyle viel Freiheit. Vor allem Freiheit, sich trotz der ursprünglich traditionellen Waffe von den Wurzeln zu lösen und den Umgang mit dem Bo sportlich und artistisch zu betrachten. Virtuose Freestyle-Formen sollen Hingucker sein, und so braucht es vor allem Bos, die selbst gut aussehen und auch den Formenläufer ins beste Licht setzen. Letzteres ist dann gewährleistet, wenn die Form rasant und leichtfüßig ausgeführt wird, und dazu muss ein Stab vor allem leicht sein. Der Spitzenreiter in dieser Kategorie ist unser ultraleichter Lotusholz-Bo mit reflektierendem Finish und konischem Profil. Für einige Kampfsportler werden die 200 g aber sogar zu leicht sein, denn etwas Gewicht hilft auch dem Dreh- und Schwungverhalten.
Edel und dazu extrem praktisch ist der zusammenschraubbare konische Graphit-Bo mit Hochglanzlack, den es auch als Carbon-Bo in silber gibt. Die beiden Teile sind jeweils nur ca. 90-95 cm lang (inkl. Gewinde) und damit deutlich leichter zu verstauen als ein 182 cm langer Stab. Insbesondere wer viel auf Turnieren unterwegs ist, wird diesen Vorteil ggf. zu schätzen wissen. Der Stab besteht aus Leichtholz mit Carbon/Graphit-Überzug und zeigt im Einsatz alle Vorteile eines leichten konischen Bos - angenehmer Drehpunkt in der Mitte für rasante Wirbeltechniken, ein schnell abnehmender Durchmesser für einen leichten Griff und mit 500 g ein Gesamtgewicht, das sich auf Wunsch auch werfen und fangen lässt.
Wer dagegen für seine Freestyle-Formen Holz als Material und eine gerade Form bevorzugt, aber dennoch extravagant bleiben möchte, wird am eleganten Bambus-Bo seine Freude haben. Das aus hellen und dunklen Schichten zusammengesetzte Holz ist ein echter Hingucker, bringt ca. 700 g auf die Waage und hat damit bei einem Druchmesser von nur 21 mm eine gute Dichte für kräftige Schwungbewegungen.
Fall 4: Ich möchte einen Bo, den ich leicht transportieren kann
Manchmal sind es ganz praktische Erwägungen, nach denen man seinen Langstock wählen möchte. Und mit 182 cm ist die Länge sicher eine eher unpraktische Eigenschaft des klassischen Bo-Stabs. Eine Lösung sind zerlegbare Bos, die man zum Transport auseinander- und zur Verwendung wieder zusammenschrauben kann.
Unsere zerlegbaren Modelle haben beide eine Carbonbeschichtung und einen Hochglanzlack, damit qualifizieren sie sich automatisch für Formen und Kata, aber nicht für Sparring, wenn die Oberfläche intakt bleiben soll. Der Kern der Stäbe besteht jeweils aus Leichtholz, und die einzelnen Segmente werden durch lange Gewinde miteinander verschraubt. Die Länge dieser Gewinde ist dabei die entscheidende Eigenschaft, um den Stab gerade und stabil zu halten. Je nach Geschmack, Einsatz und praktischen Erwägungen stehen zwei verschiedene modulare Bos zur Auswahl: Der schwere 3-teilige Graphit-Bo mit 970 g, knapp 30 mm Durchmesser und gerader Form sowie der leichte rot-blaue 2-teilige konische Graphit-Bo (auch in silber) mit nur 500 g und einem Durchmesser von 10-25 mm (Unterschied zwischen Spitze und Mitte). Beide sind mit Hochglanzlack überzogen, der gerade schwarz im Klavierlack-Stil und die konischen zweite mit einem harmonischen Gradienten von blau an den Spitzen zu rot in der Mitte bzw. mit metallic-sibler.
Fall 5: Welchen Bo für Kinder und Jugendliche?
Im Allgemeinen sollte ein Bo etwa so lang sein wie die eigene Körpergröße - oder etwas mehr. Sowohl bei kleineren Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen stellt sich daher die Frage, ob sie mit regulären oder mit kürzeren Bos trainieren sollten. Generell empfehlen wir, Jugendliche ab ca. 160 cm Körpergröße (und auch entsprechend große Erwachsene) mit regulären 182 cm Bos üben zu lassen. Die "Überlänge" beträgt bei normaler Griffhaltung nur ca. 10 cm auf jeder Seite, was sich gut kompensieren lässt, ohne die Bewegungen zu verfälschen. Ein entscheidender Vorteil ist dabei, dass diese Schüler sich gleich an eine Bo-Standardlänge gewöhnen und nicht darauf angewiesen sind, immer einen Stab "nach Maß" zur Verfügung zu haben. Auch im Sparring mit größeren Partnern haben sie auf diese Weise keine Nachteile. Sind gerade Kinder und Jugendliche jedoch deutlich kleiner als 160 cm, ist der Jugend-Bo Hartholz oder der leichter Jugend-Bo Rattan in 152 Länge eine sinnvolle Alternative. Mit einem viel zu langen Bo müßten sich die jungen Budoka ansonsten falsche Bewegungen angewöhnen, um nicht den Boden zu streifen, außerdem würden sie ein verzerrtes Verhältnis von Körper- und Stockreichweite entwickeln. Kürzere Bos sind daher vor allem in Kindergruppen und für Einzeltraining (z.B. Formen) mit Kindern von Vorteil.