Warum mit einem Bokken trainieren?

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Bokken

Jeder weiß doch: Das Katana ist das „Samurai-Schwert schlechthin“, nicht das Bokken. Also warum nicht gleich ein Katana oder Wakizashi (oder beides) bestellen und loslegen? Warum braucht man überhaupt ein Bokken? Schließlich kann man doch nur mit einem Katana wirklich Katana-Techniken lernen. Oder?!

Mit diesem kleinen Beitrag möchten wir euch doch nahelegen, euch nicht nur zuerst, sonder immer, mit Bokken zu beschäftigen. Gründe dafür gibt es viele. Hier haben wir für euch drei besonders schöne ausgewählt.

Miyamoto Musashi mit Bokken (1855)

1. Das Bokken ist das wahre Traditionsschwert

Zumindest was das Üben angeht!

Geschmiedete Schwerter waren im feudalen Japan teuer und aufwendig. Jedes Schwert war ein Unikat, die Herstellung konnte sich Monate hinziehen. Wenn man es hatte, war es eine präzise und tödliche Waffe, aber auch eine, die schnell beschädigt werden konnte. Bei Aufprall an Rüstungen oder anderen Waffen konnte der Stahl Schaden nehmen oder bei entsprechend starken Scherkräften sogar brechen, und die Klinge konnte an Schärfe verlieren. Reparaturen oder gar Ersatz brauchten wieder viel Zeit, Geld und Einsatz, und dieses Risiko wollte man nur im Ernstfall eingehen, nicht um Schwerttechniken zu üben.

Natürlich war auch die Verletzungsgefahr erheblich: Mit der extrem scharfen Klinge übt man entweder sehr vorsichtig – oder spielt mit dem Feuer. Beides ist kein sinnvolles und nachhaltiges Training, und so gehörten Übungsschwerter aus Holz von Anfang an zum Samurai-Training.

Diese Bokken (eigentlich Boku-ken oder Boku-to) haben dabei noch eine ganz eigene Note in die Schwerttrainingstradition gebracht. Beim Training mit einem scharfen Schwert konnte man zwar verletzt oder sogar getötet werden. Doch auch ein Bokken-Treffer konnte gefährlich, in jedem Fall schmerzhaft, dabei aber auf besondere Art lehrreich sein. Getroffene trugen sowohl Blessuren am Körper als auch an der Ehre davon, was sowohl die Technik als auch den Charakter stärken sollte. Das Holzschwert war in diesem Sinne ein wahrer Lehrmeister, denn wer es spürte, lernte Lektionen fürs Leben – und überlebte, um sie auch im Kampf anwenden zu können.

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, ist das Bokken weit mehr als die schwache Nachbildung der „echten“ Waffe. Wir sollten uns vor Augen halten, dass ohne den Erfolg des Bokken als „Lehrmeister“ auch das Katana niemals zu solchen Ehren gelangt wäre. Es gehört zum Wesen des Katana, dass eine Technik über Leben und Tod entscheiden sollte. Und damit ist es wie überall in den Kampfkünsten: Wenn es das eine Mal funktionieren soll, dann müssen wir es vorher tausende Male ausprobiert haben, damit Körper und Geist wissen, was zu tun ist. Etwas pathetisch formuliert, aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist daher unser Standpunkt: Das Bokken ist die wahre Seele des Katana.

2. Ein Bokken zeigt dir, wie du Schwerttraining findest

Die Gründe von damals gelten natürlich auch heute: Bokken sind in der Regel deutlich günstiger als Metallschwerter, und das Training mit ihnen ist wesentlich sicherer. Ungefährlich ist es trotzdem nicht, und vor allem wer Sparring üben möchte, sollte kontrolliert und langsam anfangen.

Entscheidend ist aber etwas anderes. Du nimmst dein Bokken in die Hand, und du weißt sofort: Das ist kein Stock, das ist ein Schwert. Das Bokken hat wie das Katana eine klare Schnittseite, die Krümmung zeigt dir intuitiv, wie es geführt werden kann, und spätestens wenn du beim Techniktraining hörbar die Luft schneidest, bist du „hooked“.

Oder vielleicht auch nicht, und auch das ist ein Ergebnis, das dir das Bokken liefern kann: Trainiere mit einem Bokken, und du weißt, ob Katana-Training etwas für dich ist. Du spürst die Dimensionen, die Länge, die Krümmung, die Distanz. Probiere es aus und schau, wie es sich für dich anfühlt. Wenn du keine Freude am Bokken hast, dann wirst du höchstwahrscheinlich auch ein Katana maximal an die Wand hängen, aber nicht gern in der Hand haben. Umgekehrt wirst du dem Bokken-Training sehr wahrscheinlich immer treu bleiben, auch wenn du schon mit Metallschwertern trainierst.

3. Es ist (nur?) Holz

Nichts gegen Metall-Schwerter: authentisch, elegant, edel, all das. Aber im Boku-to oder Boku-ken steckt das entscheidende Wörtchen „boku“ = Holz. Wer traditionelle japanische Holzhäuser gesehen hat, die zum Teil völlig ohne Verwendung von Metall auskommen, hat eine Vorstellung davon, auf welche Tradition der Holzverarbeitung dieses Inselreich blicken kann. Natürlich ist heute, wo japanische Kampfkunst ein Weltexportschlager geworden ist, kaum noch ein Bokken ein kunstvolles Unikat (das gilt allerdings auch für allermeisten Katanas), aber die Tradition des Holzhandwerks trägt dennoch jedes von ihnen in sich.

So praktisch und alltäglich Bokken immer schon gewesen sind, so haben sie gerade durch ihre Häufigkeit auch dazu beigetragen, dass ihre Form für diesen einen Zweck perfektioniert wurde. Gutes Design ist bekanntlich nicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann. Und in dieser Hinsicht sind Bokken ein Beispiel für ein makelloses Design, bei dem Form und Anwendung sich in Vollendung begegnen.

Merkt man ein bißchen, dass wir Bokken lieben? :-)